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Magazin / Bordfunk · Folge 23

Der Schleusenwärter an der Havel: wer zahlt, wenn die Leine fest ist

Ein nasser Oktobermorgen an einer Schleuse an der Havel, ein Schleusenwärter mit starkem Kaffee und ein Motorboot, das an der eigenen Leine hängt. Warum die Polizze auch beim eigenen Fehler zahlt und wer den Schaden am Nachbarboot trägt.

05. Oktober 20267 minNAMMERT Assekuradeur GmbH

Folge anhören Dauer 7 min
Die Folge zum Nachlesen

Theo: Moin! Ich bin Theo von Nammert, und ich steh hier gerade vor einem kleinen Steuerhaus an einer Schleuse. An der Havel. Es nieselt. Heute bin ich bei einem Schleusenwärter.

Theo: Hallo? Kann ich reinkommen?

Kalle: Komm rin, komm rin. Tür zu, et zieht.

Theo: Moin. Hier riecht's nach Kaffee.

Kalle: Willste ooch nen Kaffee? Is aber stark.

Theo: Gern. Sag mal kurz, wer du bist.

Kalle: Kalle. Schleusenwärter. Seit... na, lange. Ick mach Tore uff und Tore zu. Und kiek, dass keener absäuft.

Theo: Und wer kommt heute?

Kalle: Jetzt im Oktober? Allet, wat ins Winterlager will. Kiek ma raus, da warten schon drei.

Theo: Die drei Boote da vorne am Steg?

Kalle: Jenau. Zwee Motorboote, een Segler mit jelegtem Mast. Die komm jetzt rin. Talwärts.

Theo: Talwärts heißt... runter?

Kalle: Runter. Wasser raus, Boot sinkt mit. Also, wenn allet jut jeht.

Theo: Wie weit geht's denn runter?

Kalle: Hier? Paar Meter. Klingt nach nüscht. Aber kiek ma von unten an so ne Wand hoch. Da wirste janz kleen.

Theo: Und das dauert wie lange?

Kalle: Zehn Minuten. Wenn keener rumzickt. Zickt aber immer eener.

Theo: Und wenn nicht alles gut geht?

Kalle: Moment. Funk.

Funkgerät: Schleuse, hier Motorboot Möwe. Wir möchten talwärts. Kommen.

Kalle: Möwe, Schleuse. Einfahren, Steuerbordseite, ganz vorne. Leinen um die Poller. Nicht fest belegen. Kommen.

Funkgerät: Verstanden. Nicht fest belegen.

Kalle: Det sagen se alle. Und dann belegen se fest.

Theo: Warum ist das denn so schlimm?

Kalle: Na, weil det Wasser runterjeht. Und det Boot will mit. Und wenn die Leine fest is, dann hängt det da. Schräg. An der eigenen Klampe.

Theo: Echt jetzt?

Kalle: Echt. Hatte ick im Juni. Een Motorboot. Hing da wie Wäsche auf der Leine. Bis die Klampe rausjerissen is.

Theo: Oh nein.

Kalle: Oh doch. Dann is der los, rüber, und mit dem Heck jegen den Segler daneben. Rums.

Theo: Und dann?

Kalle: Dann stehn zwee Männer uff zwee Booten und brüllen sich an. Und ick steh hier oben. Mit meim Kaffee.

Theo: Und wer hat am Ende gezahlt?

Kalle: Det frag ick dich. Du bist doch Versicherung, wa?

Theo: Na ja. Ich bin eher der, der das Kleingedruckte liest.

Kalle: Denn lies ma. Erst mal den mit der Klampe. Der war doch selber schuld.

Theo: Okay. Sein eigenes Boot, das ist seine Kasko. Und mit dem Heck gegen den Segler, das ist eine Kollision mit einem schwimmenden Gegenstand. Das zählt als Unfall, versichert in Basis Plus und Premium.

Kalle: Ooch wenn er selber schuld is?

Theo: Auch dann. Wer einfach einen Fehler macht, dem wird nichts gekürzt. Kürzen darf die Versicherung erst bei grober Fahrlässigkeit.

Kalle: Hm. Det hätt ick nich jedacht.

Theo: Die Selbstbeteiligung geht natürlich ab.

Kalle: Aber ick hab's ihm dreimal jesagt! Über Lautsprecher! Is det nich grob?

Theo: Kann sein. Und jetzt kommt's: in Premium verzichtet die Versicherung dann trotzdem auf die Kürzung, bis zu einem Schaden von der Hälfte der Versicherungssumme. In Basis Plus bis zu einem Viertel.

Kalle: Nu hör aber uff. Trotzdem?

Theo: Trotzdem. Außer, es lag an Alkohol oder Drogen. Dann wird gekürzt.

Kalle: Na, denn hätt er sein Bier ma nich uffmachen solln.

Theo: Hatte er eins?

Kalle: Weeß ick nich. Ick hab nur die Dose jesehn.

Theo: Und noch was. Schäden durch Verstöße gegen behördliche Vorschriften sind ganz ausgeschlossen. Also besser auf den Schleusenwärter hören.

Kalle: Siehste. Hör uff mich. Sag ick ja imma.

Kalle: Moment. Moment! Die Möwe. Kiek ma, die Leine.

Theo: Was ist mit der Leine?

Kalle: Die is fest! Die is schon wieder fest!

Kalle: Hallo! Möwe! Leine fieren! Lose geben, fieren!

Theo: Mann, hab ich mich erschrocken.

Funkgerät: Schleuse, Möwe. Ist los. Alles gut. Kommen.

Kalle: Na also. Jeht doch.

Theo: Ich hab jetzt Regen im Kaffee.

Kalle: Det is Havelwasser. Hält jesund.

Theo: Was hat der da unten eigentlich gemacht? Ich hab nur gesehen, wie das Boot schief wird.

Kalle: Na, Leine einmal um die Klampe, zweimal, dreimal. Schön fest. Wie im Hafen. Nur dass der Hafen nich nach unten wegfährt.

Theo: Und warum machen das so viele?

Kalle: Weil se Angst ham, dass det Boot wegtreibt. Is ja ooch richtig. Nur eben lose. Die Leine um den Poller und wieder an Bord. Und denn in der Hand behalten.

Theo: Also festhalten, aber nicht festmachen.

Kalle: Jenau. Den Satz kannste haben.

Theo: Okay. Und der Segler von damals? Der mit dem Heck drin?

Kalle: Ach, der. Der wollte gleich ne neue Badeplattform. Und neuen Lack. Fürs janze Heck.

Theo: Das zahlt dann nicht die Kasko vom Motorboot. Ansprüche von anderen schließt die Kasko aus. Das ist ein Fall für die Haftpflicht.

Kalle: Und die zahlt denn allet, wat der will?

Theo: Nee. Die prüft erst mal, ob überhaupt gehaftet wird. Berechtigte Ansprüche zahlt sie, unberechtigte wehrt sie ab.

Kalle: Also die neue Badeplattform...

Theo: Was vorher schon kaputt war, hat der Rums ja nicht gemacht.

Kalle: War se. Ick hab se jesehn. Mit Klebeband.

Theo: Siehst du.

Funkgerät: Schleuse, hier Segelboot. Wir liegen auch drin. Wann geht's los? Kommen.

Kalle: Jaja. Gleich. Ick muss, Theo. Die Nächsten.

Theo: Kalle, letzte Frage. Was sagst du den Leuten, bevor sie in deine Schleuse fahren?

Kalle: Wat ick imma sage. Det Wasser jeht runter, ob de willst oder nich. Die Leine muss mit.

Theo: Das Wasser geht runter, ob du willst oder nicht. Die Leine muss mit. Das nehm ich mit. Danke dir, Kalle!

Kalle: Jerne. Und bring mir den Becher wieder, ick hab nur zwee.

Theo: Mach ich. Versprochen.

Theo: Das war der Bordfunk. Von Nammert. Ich bin Theo, und ich steh jetzt im Nieselregen mit einem fremden Kaffeebecher. Morgen bin ich bei jemand Neuem. Tschüss!

Ein nasser Oktobermorgen in einer Schleuse an der Havel. Im kleinen Steuerhaus kocht Kalle, Schleusenwärter, starken Kaffee, draußen warten drei Boote auf dem Weg ins Winterlager. Talwärts heißt: das Wasser geht raus, das Boot sinkt mit. Wer seine Leine dabei fest an der Klampe belegt, hängt plötzlich schräg an der eigenen Leine. Im Juni ist so eine Klampe ausgerissen, das Motorboot trieb los und knallte mit dem Heck gegen den Segler daneben. Theo will in der Schleuse wissen, wer zahlt, wenn die Leine fest ist.

Der erste Aha-Moment: Kalle hält den Skipper für selbst schuld und rechnet mit nichts. Die Kollision mit einem schwimmenden Gegenstand ist aber ein Unfall des Fahrzeugs, versichert in Basis Plus und Premium. Ein einfacher Fehler kürzt nichts, kürzen darf die Versicherung erst bei grober Fahrlässigkeit. Die vereinbarte Selbstbeteiligung geht ab.

Der zweite: Selbst wenn der Skipper dreimal gewarnt wurde und das als grob fahrlässig gilt, verzichtet die Versicherung in Premium bis zu einem Schaden von der Hälfte der Versicherungssumme auf die Kürzung, in Basis Plus bis zu einem Viertel. Das gilt nicht, wenn der Schaden auf Alkohol, Drogen oder Diebstahl zurückgeht. Und Schäden durch Verstöße gegen behördliche Vorschriften sind in allen drei Kaskotarifen ausgeschlossen, also besser auf den Schleusenwärter hören.

Der dritte: Den Schaden am Segler zahlt nicht die Kasko des Motorboots, Haftpflichtansprüche Dritter sind dort ausgeschlossen. Das ist ein Fall für die Haftpflicht, und die zahlt nicht einfach, was gefordert wird: Sie prüft die Haftpflichtfrage, stellt von berechtigten Ansprüchen frei und wehrt unberechtigte ab. Kalles trockener Schluss: Das Wasser geht runter, ob du willst oder nicht. Die Leine muss mit.

Shownotes

Zu Gast: Kalle, Schleusenwärter. Die Gäste des Bordfunks sind erfundene Figuren; was über den Versicherungsschutz gesagt wird, steht so in den Bedingungen. Versichert ist der Unfall des Fahrzeugs, dazu gehört die Kollision mit festen und schwimmenden Gegenständen (A-3.1.1 Basis Plus und Premium). Die vereinbarte Selbstbeteiligung wird je Schadenfall abgezogen (A-4.1). Bei grob fahrlässiger Herbeiführung darf die Leistung nach der Schwere des Verschuldens gekürzt werden. Die Versicherung verzichtet auf die Kürzung bis zu einer Schadenhöhe von 50 Prozent der Versicherungssumme in Premium und 25 Prozent in Basis Plus, es sei denn, die Ursache ist Diebstahl, Drogen- oder Alkoholkonsum (A-7 Premium und Basis Plus). Im Basis-Tarif gilt dieser Verzicht nicht (A-6 Basis). Kein Ersatz für Schäden durch Verstöße gegen behördliche Vorschriften (A-6.2 k Premium und Basis Plus, A-5.2 k Basis). Haftpflichtansprüche Dritter sind in der Kasko ausgeschlossen (A-6.9 Premium und Basis Plus, A-5.7 Basis). Die Wassersport-Haftpflicht deckt die gesetzliche Haftpflicht aus Halten, Besitz und Gebrauch des Boots (A-1.1) und umfasst die Prüfung der Haftpflichtfrage, die Abwehr unberechtigter Schadenersatzansprüche und die Freistellung von berechtigten (A-4.1, alle drei Tarife). Geräusche: walkiebeep.wav von theplax, freesound.org/s/620516, CC BY 4.0

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